Gibt es immer mehr Hochwasser-Katastrophen?

Eine heikle Frage - zwei Antworten:

Die Frage, ob es mehr katastrophale Hochwasser gibt als früher, kann man getrost mit Ja und Nein beantworten.

Hochwasserdaten in Frankfurt, von oben nach unten: 1342, 1662, 1784, 1882, 1576, 1920, 1896, 1970.

Antwort für Optimisten:

"Nein, es gibt nicht mehr Hochwasser"!: Katastrophale Hochwasser und Überschwemmungen gab es schon immer, wie unsere kleine Auswahl historischer Fluten zeigt. Insofern sind über längere Zeit betrachtet, Hochwasser eigentlich immer eine Bedrohung. Egal, welche Vorbereitungen wir treffen - jedes Hochwasser ist anders und es "gibt keinen hundertprozentigen Schutz". Das sagen sowohl alle Ämter wie auch Versicherungen. Unsere Hochwasser- und Wetterdaten reichen meist bis etwa 1880, danach nimmt die Zuverlässigkeit ab. Somit haben wir etwa 100 Jahre statistische Beobachtung - nicht besonders lang, sagen Skeptiker, um von einer Vermehrung von Katastrophen zu sprechen. Umgekehrt bedeutet dies aber auch: Wenn unsere Statistik nicht ausreicht, um eine Warnung zu geben kann auch keine Entwarnung gegeben werden. Aber es bestehen sehr berechtigte Zweifel, ob die Hochwasser-Katastrophen in der letzten Zeit nur zufällige Häufungen sind.

 

Antwort für Realisten:
"Ja, es gibt mehr Hochwasser"!:

Auch über eine längere statistische Sicht ist auch das Hochwasser vom August 2002 eine Ausnahmeerscheinung, vergleichbar mit einem der Hochwasser im 15. Jahrhundert, die von ihrer Höhe bisher unübertroffen waren. Mit anderen außergewöhnlich großen Hochwassern teilt es sich die letzten 20 Jahre. Diese Häufung mag Zufall sein, argumentieren Optimisten. Mit jedem neuen Regenrekord und mit jedem weiteren Hochwasser wird aus der Spekulation, ob Hochwasser mehr werden, Tatsache. Bei einigen Mosel- und Rheinhochwassern der letzten zehn Jahre war der Anstieg und die Schnelligkeit des Ansteigens atemberaubend - so etwas wurde noch nie gemessen, ein Indiz für die "neuartigen Hochwasser".

 

Grafik zeigt eine Häufung starker Hochwasser ab 1980.

Antwort für den Rest
"Vielleicht nicht mehr Ereignisse aber auf jeden Fall mehr Katastrophen!"
Selbst wenn es nicht mehr Hochwasser gibt - sie richten mehr Schaden an. Insofern gibt es mehr Hochwasser-Katastrophen mit Schwerpunkt auf Katastrophe. Denn die Menschen haben mehr Wertsachen - mehr dazu hier -und verhalten sich so, als ob es Hochwasser nicht geben würde.
Bild zeigt ein überschwemmtes, recht neues Haus und einen Transporter - etwa 50-70 cm Wasserhöhe.
Kommen Hochwasser unerwartet, entstehen häufig hohe Schäden. Bildnachweis1

Fazit: Es gab immer schon Hochwasser wie unser Rückblick zeigt. Aber es gibt wahrscheinlich mehr katastrophale Hochwasserereignisse und dies ist sehr wahrscheinlich keine natürliche Schwankung oder Häufung alleine. Die Zunahme von Hochwassern (und parallel die der Schäden) ist auch dem Menschen zuzuschreiben.

Warum es mehr und gefährlichere Hochwasser gibt:

Bei jedem Hochwasser spielen die zwei grundlegenden Faktoren Wasser-Input und Fläche (siehe unser Exkurs zu den Faktoren) beteiligt. Von einem gibt es mehr: Mehr Input durch mehr Starkregen.

Vom anderen weniger: Weniger Retentionsfläche durch weniger unversiegelter und unverbauter Fläche. Damit verschiebt sich das Verhältnis von Volumen und vorhandenem Speichervolumen in einer Weise, die jenseits der Berechnungen der konventionellen Hochwasserrückhaltesysteme liegt. Die Gefahr, dass also Flüsse übertreten, ist durch mehr Input und (paradoxerweise) durch mehr Eindeichungen gewachsen.

Versiegelung, Bodenverdichtung und Flächenverlust -
beste Voraussetzungen für Katastrophen:

Vom Waldboden zur Autobahn - der Flächenverbrauch schreitet weiter voran. Dabei sind Wald und Autobahn nur die Extrempole - auch eine Bodenverdichtung durch Maschinen in der Land- und Forstwirtschaft kann den Speichereffekt von Böden vermindern.

Autobahn.

Bemooster Waldboden.

Durch Verkehrswege und -strassen, durch verdichteten Boden (in der Landwirtschaft) und durch massive Flussverbauung sind Niederschläge fast sofort im Flusssystem.
In der Bundesrepublik sind mehr als 12,4 % der Fläche stark versiegelt. Regional ist die Versiegelung noch höher- vor allem im urbanen Bereichen. Das erscheint wenig, jedoch wird TÄGLICH eine 117 Hektar große Fläche neu versiegelt.
Das wären 160 Fußballfelder pro Tag an neuversiegelter Fläche (Quelle: Stat. Bundesamt).. Durch die Tatsache, dass wir mit dem Ruhrgebiet, dem Rhein-Main-Gebiet und mit den Großstädten zu den dichtbesiedelsten Raum der Welt gehören, sind wir auch die am massivsten versiegelte Fläche überhaupt.

Mit dem Verlust von unversiegelter Fläche nimmt auch das Potenzial zur Speicherung von Oberflächenwasser ab.
Ein Puffer, wie es ein naturbelassener Wald oder auch die Aue ist, kann kaum noch helfen - es gibt ihn nicht mehr flächendeckend.
(Jedem, der den Speichereffekt von Wäldern nicht versteht, sei unser "Barkeeper-Test" empfohlen. Man nehme zwei gefüllte Wassergläser und schütte eins davon auf ein Waldstück und eins auf einen befestigten Weg und stoppe die Zeit, bis die Wasserpfützen eingezogen sind. Oder man nehme einfach ein Stück Moos und presse es mit beiden Händen - und wundere sich , wie viel Wasser herausläuft.)

Klimaveränderung als Grund für Hochwasser-Katastrophen?

Zunächst: Die Klimaveränderung ist die "heißeste These" in der Wissenschaft, sowohl von der Tragweite wie auch von dem Aufwand der Forschung - und die gleichzeitig am schwersten konkret zu beweisende. Warum?
Braunkohle-Bagger.
Braunkohleförderung durch die Rheinbraun AG: Nur ein Beispiel für die Nutzung von fossiler Energie und die damit verbundene Emission von Klimagasen wie CO2.
Weil es bei der Klimaforschung um die Berechnung und Interpretation vieler Daten über einen langen Zeitraum und auf dem größten Forschungsfeld geht, das uns zur Verfügung steht: Der Erde.
Zwangsläufig müssen sich unterschiedliche Thesen (von "neuer Eiszeit" bis "global warming") ergeben, verschieden Ursachen, andere Lösungswege.
Man nehme einmal die Vorhersagewahrscheinlichkeit für das Wetter, das Klima ist noch einmal eine andere Kategorie.

Wir möchten hier keine Endzeitstimmung verbreiten, aber es gibt leider in den Jahrzehnten der Forschung bis heute kein Grund zur Entwarnung. Es gibt im Klima Prozesse, die sich immer weiter erwärmen, gleichzeitig auch die umgekehrten Prozesse, die massive Kälteeinbrüche bringen könnten. Seit dem überhaupt ein Wissenschaftler eine Veränderung von Gasen in der Atmosphäre mit dem Klima in Verbindung brachte, verdichten sich die Hinweise, dass es einen menschlichen Klimaveränderung gibt. Die Hauptrolle spielt dabei sicher das Klimagas CO2, aber auch Butan, Wassertropfen, Ozon oder Staubteilchen.

Orkanschäden durch Kyrill 2007

Zwar ist es fraglich, ob es in Mitteleuropa mehr regnen wird. Jedoch ist sicher, dass Regengüsse vielleicht nicht in der gesamten Menge, aber in der Ballung auf wenige extreme Wetterereignisse häufiger werden. Selbst wenn also die gesamte jährliche Regenmenge gleich bleibt, sie kommt mitunter in einem Guß. Die Klimaforscher des IPPC, einem internationalen Klimaforschungsbündnis unter dem Dach der UNO, gehen davon aus, dass durch die Klimaveränderung (die vor allem eine Erwärmung ist) die Zahl der weltweiten "extremen Wetterereignisse" sich bereits erhöht hat und sich mit hoher Wahrscheinlichkeit weiter erhöhen wird. Grund ist, stark abgekürzt, dass durch die Erwärmung mehr Energie auf der Erde befindet, mehr Wasser verdunstet und dadurch Klimaprozesse wie in einem Karussell heftiger werden. Nach dieser "Extremisierungs-These" können alle möglichen Erscheinungen zu den Ereignissen gezählt werden - Verstärkung von Phänomenen wie "El Nino", Stürme, Dürren oder auch extreme Niederschläge. Mehr zum Klima unter den Links. Indiz für den Zusammenhang ist, dass von Seiten der Ämter in letzter Zeit immer häufiger Temperaturrekorde seit Beginn der Wetteraufzeichnung an Orten gemessen werden. Umgekehrt sind die großen Hochwasser-katastrophen IMMER in Verbindung mit solchen punktuellen Rekorden an Niederschlägen verbunden.

 

Und was bedeutet das für Mitteleuropa
und Hochwasserkatastrophen?

Wenn es ein aufgrund der Veränderung verschnellertes Klimachaos gibt, können besondere Konstellationen öfter auftreten, die Extremhochwasser auslösen können z.B.:

Beispiel 1: Wenn sich nach einer längeren Frostperiode die Temperatur schnell stark erhöht und starker Niederschlag fällt. Dann (was selten passiert) kann es auch bei unverdichtetem Boden zum 100%igen Versiegelungseffekt kommen, es fällt weder Schnee (der liegen bleiben könnte) noch kann das Wasser vom Boden aufgesogen werden, weil er gefroren ist.
Beinspiel 2: Eine besondere Tiefdrucksituation, die das "Jahrtausendhochwasser 2002" auslöste, gehört auch zu einem solchen Ausnahmeereignis. Diese sogenannten "5b-Wetterlage" ist recht selten. Eine warme Wetterlage nimmt über dem Atlantik sehr viel Wasser auf und regnet diese bei Auftreffen auf kalte Luft sehr schnell ab.

verhagelter und vereister Boden.

aufgerissene erde

Fachleute prognostizieren einen Klimawandel, eine Erwärmung ist darunter die wahrscheinlichste Variante, sicher scheint eine Zunahme extremer Wetterereignisse.

Fazit der Klimaforschung bis heute: Obwohl kein Forscher genaue Vorhersagen über das Wesen der Veränderung in Europa machen möchte und kann, ist es mittlerweile Konsens, dass die Häufung von Hochwassern auch auf eine Klimaveränderung hindeuten, vor allem weil Hochwasserereignisse bisher immer mit Regenrekorden zeitlich zusammenfielen.

Wie zu jeder Theorie gibt es auch hierbei Skeptiker, die behaupten, dass es keine menschlich verursachte Klimaveränderung gibt bzw. wenn es eine gäbe, diese keinerlei Auswirkung und Zusammenhang mit Hochwasserkatastrophen habe. Doch diese "Klima-Skeptiker" sind weltweit eher in der Minderheit und haben dazu mindestens so wenig stichhaltige Beweise wie die Klimaveränderungs-Fachleute (, was einige Skeptiker nicht hindert, fehlende Beweise den Klimaveränderungs-theoretikern vorzuwerfen).

Sowohl das Pfingsthochwasser 1997 in Bayern als auch das sog. "Jahrtausendhochwasser" im August 2002 waren unmittelbar mit mehreren Regenrekorden (seit Beginn der Wetter-Aufzeichnung) verbunden - dies ist ein deutliches Indiz für den Zusammenhang von Klima und Hochwasser im Sinne der "Extremisierungs-Theorie".

Außerdem wird sich die Politik von heute morgen fragen lassen müssen, warum sie diese Zeichen nicht wahrgenommen hat.
Um mehr zum Thema Klima und Hochwasser zu erfahren - schaut in unsere Links sowie in unsere Forderungen.

Übrigens: Jürgen Trittin, grüner Umweltminister, hat still und heimlich die Klimaschutzversprechen von Kyoto eingestampft. Die Bundesrepublik hatte versprochen, mehr als die vereinbarten Prozente des Klimaschutzbündnisses an Emissionen einzusparen. Nun ist Deutschland nur noch zu dem verpflichtet, was man mühsam als Minimalkompromiß ausgehandelt hat.

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13.03.2007 10:41 updated by Bene