Vom Sandoz-Skandal zur "Jahrtausendflut"


 

Credo der 80er Jahre: "Rhein und Co müssen sauberer werden" - aber nicht natürlicher

Karikatur zeigt einen Abfluss aus einem Waschbecken: Titel "Flüsse und Bäche sind mehr als Abflussrohre"
Anfang der 80er Jahre
gab es erste Zweifel, ob mit Fließgewässern alles in Ordnung sei. Wer noch zweifelte, bekam mit dem "Tschernobyl des Rheins" die notwendige Einsicht als in den frühen Achtzigern nicht aufgefangenes giftiges Chemiegut des Sandoz-Konzerns tausende von toten Aalen den Rhein ab Basel in der Schweiz bis Rotterdam/NL hinunterspülte. Das war der Aufhänger, um über Umwelt- und Gewässerschutz nachzudenken. Im gleichen Jahr startete das "Lachs2000"-Programm, das erste übergreifende Flussprogramm. Politiker freuten sich und schwammen, wie Klaus Töpfer, durch den Rhein. Nur quer natürlich, denn ein Umweltminister hätte ein Wehr ebensowenig überspringen können wie ein Aal. Noch heute kann man die Einleitungen und Emissionen von Groß- wie Kleinbetrieben nicht begrüßen - aber Sie sind z.B. durch die EPER-Datenbank öffentlich gemacht und werden scharf kontrolliert.

Die ganze Sache mit der tollen Wasserqualität hatte aber einen Hacken:

Man sorgte sich in den 80ern um die Einleitungen, um die Wasserqualität, nicht aber um Hochwasserschutz. Motto: Wenn der Rhein wieder sauber ist, kann doch nichts so schlimm sein.

Um über den Zustand (auch jenseits der "Big Four" Rhein, Donau, Elbe, Mosel) nachzudenken, mussten erst Katastrophen kommen...und sie kamen.

 

"Das böse Erwachen" 1994-2002
Hochwasser werden zur Katastrophe Nummer eins

 

  

Es gibt in Deutschland seit Mitte August 2002 ein Wort, was wirklich landesweit für Gänsehaut sorgte: "Die Flut".
Sachsen 2002: Ein Haus wurde zerstört.
Bilder von der Weißeritz bei Dresden
Überschwemmungen wie diese hier trafen Bayern in letzter Zeit häufig - Bayern ist statistisch auch das wasserreichste Bundesland (nach Fläche).
Überschwemmung in Bayern. Bildnachweis 1

Nach mehreren Jahrhunderten technischer Meisterleistungen war man noch in den achtziger Jahren aus gutem Grund fester Überzeugung, dass die Technik und die Verbreitung von ingenieurwissenschaftlichen Systemen das "Problem Hochwasser" überlistet und endgültig gelöst hat. Hochwasserkatastrophen führten eben zur Erhöhung der Deiche, Punkt.
Seit Mitte der neunziger Jahre kam es jedoch mehrere Male zu so katastrophalen Hochwässern, dass man mittlerweile daran zweifelt, ob das alte Verhältnis, die alten Berechnungen noch stimmen.

Zeitleiste zeigt die "Jahrhunderthochwasser" zwischen 1993,1995,1997,1999 und 2002.
Im Wintern 1993 und 1995 gab es Rhein- und Moselhochwasser mit unerwartet schnellen Hochwasserwellen und hohen Pegelständen. 1997 bescherte das Oder-Hochwasser den zweiten Knick im Vertrauensverhältnis zur bisherigen Technik. Zwar halfen Spenden und (wie bereits 1962) die Bundeswehr im "Krieg gegen die Flut". Doch Medienberichte und Umweltschutzorganisationen, ja selbst Politiker, machten darauf aufmerksam, dass ein Hochwasserschutz der bisherigen Machart das Problem verschob - zum nächsten.

Ende der Machbarkeit fantasiefreier Wasserbaupolitik

Nach einigen Generationen hatte der Fluss nicht nur wieder die Macht, sondern wurde zu der Naturkatastrophe Nummer eins: Bei der Zahl der Betroffenen und finanziell.
Bahnlinie zerstört - August 2002
Als 2002 im August weite Teile Mitteleuropas unter Wasser standen, der Prager Zoo, die Gemälde in Dresden im Wasser ertranken, war klar: Das ist nicht mehr ein technisch lösbares Problem. Das ist das Ende der technischen Machbarkeit, zumindest in der Form der bisherigen "Deichgraf-Politik". Es waren eben nicht einmal die großen Flüsse, von denen das Hochwasser ausging, sondern Flüsse, die keiner kannte - nicht mal jeder der Anwohner: "Weißeritz" "Schwarze Elster" (mehr auch hier)....

Wie kann es sein, dass innerhalb von Stunden so viel Wasser vom Himmel kommt? Wie können so unscheinbare Flüsschen innerhalb von wenigen Stunden Eisenbahndämme, Häuser, Autostraßen komplett wegschwemmen?

Es entstanden Milliardenschäden durch Gutgläubigkeit, mangelndes Bewusstsein, Fehlverhalten einzelner und ebenso planloser wie fantasiefreier Wasserbaupolitik - eben graden bei den "kleinen Bächen". Die Zerschneidung von Ausystemen, Begradigungen, ist zwar an den großen Strömen gestoppt, aber geht am Ende bei den Bächen munter weiter.
Ereignisse wie das Hochwasser im Dezember 2003 in Frankreich sind Grund, dieses Umdenken auch EU-weit zu fördern. Es gibt keinen Grund, anzunehmen, dass mit Jahrhunderthochwassern nun Schluss sei.

Die Bundesregierung hat bereits reagiert, jedoch scheint selbst das Umweltministerium in seiner Anstrengung erschlafft, mehr für ökologischen Hochwasserschutz, Versiegelung und Klimaschutz zu tun. Jürgen Trittin, Bundesumweltminister, stößt sich bei den Landesregierungen und seiner eigenen Regierung offenbar die Ellenbogen wund, wenn es darum geht, Landwirtschaftsflächen zu Retentionsflächen zu machen. Mehr dazu hier.

 

Ein aktuelles Beispiel von "kleinen" Verbauungssünden

 
Quelltopf - flach und trotzdem kalt.
Dass diese Fotos vom gleichen Bach (Westmünsterland) geschossen wurden, zeigt, dass von dem Quelltopf (1999 wieder renaturiert) bis zum begradigten Unterlauf viel passiert - leider nicht immer Gutes. Der Abstand zwischen den oberen und den unteren Orten beträgt etwa 450 Meter. Am Ende steht ein grader Bachlauf zwischen Maisfeldern. Auf dieser recht kurzen Strecke nimmt die morphologische Qualität und damit der ökologische Wert ab. Es gibt heute kaum ein deutsches Gewässer mit durchgehend guter/hervorragender morphologischer Qualität.
Beschatteter "Urwaldbach" im Sommer. Sehr kaltes und reines Wasser und dichte Uferbepflanzung. 
Begradigter Bach. Vorbereitetes Stauprofil - eingezwängter Bach.


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02.04.2004 11:46 updated by Bene

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