Wasserbautechniken
des
Mittelalters und der Renaissance
Wassermühlen,
Wassermühlen, Wassermühlen.... Flächendeckend
verbreiteten sich die (Wasser-) Mühlen, die jahrhundertelang das "Kraftwerk"
schlechthin bedeuteten. Erst mit der umfassenden Elektrifizierung und der Dampfmaschine
(um 1900) wurden die meisten Mühlen aufgegeben und sind heute meist umgebaut
und nicht mehr in Betrieb bzw. nicht mehr im Originalzustand.
Typische
Mühlenanlage aus dem 16. Jahrhundert, mittlerweile restauriert. Man beachte
die starken Stützmauern, die das Getriebe und dem Wasserdruck im feuchten
Boden standhalten sollten. Vorne ist ein Mühlstein aufgestellt.
Brunnenvergifter
Weil kaum etwas über Trinkwasserqualität bekannt war, gab es über das komplette Mittelalter immer wieder spontane oder von Gruppen inszenierte Brunnenvergifter-Kampagnen. Dabei lag es nahe, religiöse oder soziale Außenseiter verantwortlich zu machen. In der Tat gab es aber bereits dokumentierte Fälle von gezielten Versuchen, z.B. bei belagerten Städten Seuchen zu verbreiten oder Wasser zu verunreinigen.
Kaum
funktionsfähige Flussverbauung
Kanalbau,
Deichbau, Stauungen oder ähnliche Techniken waren in Mitteleuropa aber noch
bis ins Mittelalter kaum relevant. Das lag daran, dass es im Mittelalter
keinen übergreifenden Hochwasserschutz gab. Hochwasser war Sache desjenigen,
dem das Land gehörte. Alle Bauern, die das Land am Fluss vom Grundherrn übernahmen,
mussten entweder Abgaben oder z.B. Arbeits- oder Fahrleistungen übernehmen
- Fronarbeit im Feudalsystem. Oft genug, etwa alle paar Jahrzehnte wechselte der
Fluss seine Richtung und nahm ein alternatives Bett, dann waren alle Maßnahmen
zwecklos geworden. Leider waren Talauen immer schon beliebte Siedlungsräumen,
weil dort der Boden sehr fruchtbar war.
Die unserer Recherche nach früheste gezielte Umlegung von Flussbettes war
durch die Beerdigung eines Gotenkönigs im 8. Jahrhundert nötig geworden
- der Fluss sollte die Totenruhe des Herrschers nicht stören.
Einzig
die Technik der Durchstiche (von Flussschleifen; siehe Animation) wurden
bereits ab dem 12. Jahrhundert angewandt und blieben bis ins 18. Jahrhundert neben
den Deichen die einzig praktikable Möglichkeit, Flussläufe zu korrigieren
- zu begradigen:
Zunächst
begann man vom unteren Ende gegen Stromrichtung einen kleinen Durchstich zu machen
- er musste nicht besonders breit, aber tief sein. Man wartete auf das nächste
Hochwasser und das räumte den Graben durch Erosion wie von alleine. Im Prinzip
ist das nur die Beschleunigung der letzten Stufe der natürlichen Mäandrierung,
wenn zwei Schleifen so weit ausgeweitet werden, dass sie sich berühren.
Häufig
war die Verbauung aber unkoordiniert und Jahrzehnte später war der Fluss
doch wieder in seinem alten Bett. Zudem war das Mittelalter eine unruhige Zeit
und Kriege, Hungersnöte, territoriale Zersplitterung machten geplante Eingriffe
unmöglich. Die Menschen arrangierte sich eben. Den Herrschern waren andere
Dinge wichtiger als gegen einen Fluss zu kämpfen.
Defensive Warften und Deiche: Neben den Durchstichen gab es im
Mittelalter Schutzdeiche, die sich allerdings häufig direkt um zu schützende
Gebäude oder Städte selber wanden, und daher weniger in die Aue und
die Retentionsfläche eingriffen als unsere Deiche längs entlang der
Flüsse. Man könnte sagen, dass diese Deiche "defensiv" angelegt
waren. Sie schützten minimale aber sehr wertvolle Flächen und verdeichten
nicht den Fluss. Dazu war Deichbau viel zu teuer. Vielfach wurden Häuser
in hochwassergefährdeten Gebieten auch auf künstlicheHügel
gesetzt, sogenannten Warften, dies war die erste hochwasserangepasste
Architektur. Die Deiche, die sich entlang von Flüssen wanden, aber auch
Brücken und andere Bauwerke waren durch Eisgang (d.h. Eis führendes
Hochwasser) gefährdet. Die häufigste Katastrophenursache war ein Aufstauen
der Eisschollen. Systematisch wurden nur Anlegeplätze befestigt oder hin
und wieder Brücken gebaut.
Wasser
als Verteidigungsanlage
Eine typische Wasserburg im Münsterland, das wenig Erhebungen hat und daher
auf diese Defensivanlagen angewiesen war. Das
Mittelalter war geprägt von lokalen oder überregionalen kriegerischen
Auseinandersetzungen, die kaum ein Jahrzehnt ohne Bedrohung vergehen ließen.
Viele Städte hatten sich mit Wassergräben oder künstlichen
Umfluten umgeben, um sich gegen Angreifer besser zur Wehr setzen zu können.
Diese Verteidigungsmaßnahme war sehr erfolgreich und im Grund auch die einzige,
die Siedlungen übrig blieb, die im Flachland lagen. Wasser bildete eine Abwehranlage
ersten Grades für alle Stürmungsversuche oder Versackungszone für
die schweren Geräte - man muss sich dabei bewusst sein, dass die wenigsten
Menschen schwimmen konnten. Mit Einführung von Pulver und Blei und damit
von Distanzwaffen war der Graben für Verteidigungszwecke fast obsolet geworden.
Dennoch ließen sich viele barocke und absolutistische Fürsten Wassergräben
oder Wasserspiele anlegen - aus ästhetischen Gründen (z.B. im
Schloß Sanssouci in Potsdam).
In
der Renaissance wurden antike Techniken (neu-) entdeckt und systematisch über
alle Elemente geforscht.
Berühmt sind die Zeichnungen von Leonardo da Vinci (1452-1519). Er beschäftigte
sich erstmals (wieder) mit hydraulischen Schrauben und Wasserbautechnik, vereinzelt
wurden also wissenschaftliche Versuche über das Wasser gemacht, die meist
unter dem Interesse des Militärischen standen. Viele dieser antiken Techniken
wurden zunächst im Verlauf der Völkerwanderungen und des politisch-kulturellen
Chaos in der späten Antike verschüttet. Eine Quelle für die Wiederentdeckung
der alten Techniken war der arabische Raum. Zum Beispiel die Mauren hatten in
Spanien ein relativ zu anderen Bereichen Europas eine hoch stehende Bewässerungskultur.
Hier schlummerten noch zahlreiche antike Wissensbestände, zudem waren die
muslimischen Herrscher tolerant nicht nur gegenüber anderen Religionen sondern
auch aufgeschlossen gegenüber Technik.
Fazit: Aber
eine großangelegte Verbauung von Gewässern war über das gesamte
Mittelalter kaum zu leisten. Für landwirtschaftliche oder schifffahrtstechnische
Eingriffe war der Mensch nicht mächtig genug, er arrangierte sich mit dem
Fluss. Er musste sich dem Fluss "ergeben" und sich z.B. dem Hochwasser-Schwankungen
anpassen. Dieses Verhältnis sollte sich mit dem Eintritt in die Neuzeit zum
ersten Mal ändern.