Wasserbautechniken in der Neuzeit und dem Absolutismus 1700-1830

Visionen und Anfänge des Flussausbaus zwischen "Fürstlichem Größenwahn" und Steuer-"Quelle"


Schon im "Merkantilismus" bauten aufgeklärte Fürsten ihre Flüsse mit Schleusen aus, legten künstliche Kanäle an. Obwohl horrende Kosten anfielen, waren Kanäle Prestigeobjekte und belebten die staatlich gelenkte Wirtschaft. Ein Beispiel:

Münsters Dom - viereckig, massiv. In Münster (NRW) wollte der Fürstbischof einen Durchstichkanal zur Ems bauen, er hatte die Vision, dass man von Münster direkt per Boot an die Norsee kommen sollte, ein auch von den Zeitgenossen kritisch als fürstliche Selbstverliebtheit angesehener Plan. Der Zugang zum Meer bedeutete Reichtum und auch kolonialen Einfluss, den viele deutsche Fürstentümer nicht hatten. Denn ein Zugang zum Meer war bisher nur über den Rhein möglich, dessen Mündung die Niederlande kontrollierten und sich auch pro Durchfahrt fürstlich bezahlen ließen. Zwar wurde ein Teilstück fertig, da der Siebenjährige Krieg aber alles Geld auffraß, blieb der Kanal eine Torso. Wie viele andere Projekte verwaiste dieses Projekt. Zurück blieb ein kleines Teilstück Kanal, das bald verrottete.
Dom zu Münster

Treidelpfade

Viele mehr (kleine) Flüsse wurden mit Lastkähnen befahren, als heute allgemein angenommen wird. Da Wind meist kaum genug Kraft hatte, schwere Kähne zu bewegen, musste man auf Tiere ausweichen. Die "Treidelpfade" oder "Leinpfade" an den beiden Flussufern dienten dazu, mit Pferden die Kähne stromaufwärts zu ziehen. Lasten wie Steine, Leinen und Korn wurden hauptsächlich auf Schiffen transportiert. Die Zahl der Schleusen nahm zu, was eine Regulierung des Wasserstandes ermöglichte und den Aufstieg der Schiffe in bisher unerreichte Regionen. Heute sind übrigens viele dieser Treidelpfade zu Radwegen umfunktioniert worden.

Money making

Möglicherweise kam es aber seit ca. 1750 auch regional zum "Boom" kleiner Schleusen, weil bei jedem Schleusungsvorgang "Schleusengeld" bezahlt werden musste.
Toll Collect lässt grüßen. Jeder Ort mit einer Schleuse hatte insofern auch eine Möglichkeit, Geld zu verdienen, wenn er die Schleusenrechte verkaufte oder selber wahrnahm. Oft standen sich allerdings die Fürstentümer bei diesen Ausbauprojekten selber im Wege - schließlich war Deutschland völlig in Kleinstaaten aufgeteilt, ein Anreiz z.B. an jeder Schleuse Geld zu bezahlen hinderte den Schiffsausbau. Die Schleusen waren auch oft schlecht gebaut und hielten wenige Jahrzehnte, genauso lange, wie die oft privaten Schleusenlizenznehmer ihren Pachtvertrag laufen hatten. Danach versiegte mit dem Schleuserelan auch der Geldstrom der Investoren - bis wieder einmal jemand neues ein Steuerschröpfinstrument brauchte.

Verbesserte Ausbautechniken: Faschinenbau

Allerdings machte der Deichbau Fortschritte, der Deichbaumeister (und Pastor) Johann Esaias Silberschlag erkannte für sich, dass man nicht immer mit festen Bauwerken gegen Wasser kämpfen konnte, sondern lieber flexible Technicken entwickeln sollte. Seine Beobachtungen mündeten in die Einführung der sog. Faschinen, das waren "Wälle" aus quadratisch miteinander verbundenen Weidenrutenbündeln. An ein solchen Geviert band man das nächste bis eine Art grüner Deich entstand. Damit sie dem Wasserdruck standhielten, schüttete man Kies und Sand in die Quader und pflockte sie in den Auenboden. Neben den geringen Kosten hatte man allerdings auch den Vorteil, dass die Weiden in den Boden und ineinander wuchsen und das ganze Gebilde stabilisierte. Hatte man eine solche Faschine gefüllt, wurde oben die nächste angebunden und aufgestockt.

Weiden zur Uferbefestigung geflochten.

Hier eine mit Weiden befestigte Uferwand - in etwa diese Technik nutzten Faschinen auch - nur etwas ordentlicher und mit Kiesfüllung.

Langsam sackte das ganze Gebilde nach unten in den Flussgrund und wurde bei Hochwasser immer stärker eingespült. Diese Faschinen waren natürlich nicht besonders wasserdicht und hielten wenige Jahrzehnte. Sie sollten den Fluss nur an bestimmten Stellen umlenken, damit z.B. Pflanzungen nicht überspült wurden.

Diese Technik kam aus Frankreich. In Frankreich, damals bereits zentralisiert, wurden auch Kanalprojekte in größerem, ja nationalen Maß gestartet. Kleinliche Abzockerei und bürokratisches Chaos waren hier schnell beiseite geräumt.
Neben den Schlössern sind die Kanäle in Mittelfrankreich bekanntestes Erbe des aufgeklärten Absolutismus des französischen Königs und der Ära Richelieus.

Diese "grünen" Dämme werden in Teilen heute wiederentdeckt, weil sie natürlich und - sofern richtig angewandt- sehr stabil den Flusslauf gegen Määndrierung schützen. Heute bepflanzt man kleinere Flüsse und Bäche gerne mit einer Mischung aus Erlen und Weiden, um den Uferabbruch zu verhindern.

Adalbert Stifter veröffentlichte 1857 den Roman "Nachsommer" in der eine kurze Szene zeigt, dass man an kleinen Gewässern aus Erlenholz hergestellte Befestigungen anwendete:

"(...) Zu dem Entschlusse, diesen Anwuchs zu pflegen, kam ich, nachdem ich einerseits vorher nach und nach die Gegend um unser Haus immer näher kennen gelernt, alle Talmulden und Bachrinnen erforscht und nirgends auch nur annähernd so brauchbares Erlenholz gefunden hatte, und nachdem anderseits auch das, was mir auf mein Verlangen aus mehrern Orten eingesendet worden war, sich dem unseren als nicht gleichkommend gezeigt hatte. Ich ließ oberhalb des Erlenwuchses einen Wasserbau aufführen, um die Pflanzung vor Überschwemmung und Überkiesung zu sichern und das zu sehr anschwellende Wasser in ein anderes Rinnsal zu leiten. Meine Nachbarn sahen das Zweckdienliche der Sache ein, und zwei derselben legten sogar in öden Gründen, die nicht zu entwässern waren, solche Erlenpflanzungen an. Mit welchem Erfolge dies geschah, läßt sich noch nicht ermitteln, da die Pflanzen noch zu jung sind."


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06.08.2004 15:29 updated by Bene

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