| Flüsse
waren aufgrund ihrer Eigenschaft als schwer überwindbare Hindernisse, deutliche
"natürliche Grenzen". Überall, wo Flüsse existieren,
war diese ursprüngliche Eigenschaft irgendwann auch Thema bei der Abgrenzung
von Territorien. Ganz einfach: Menschen, die keinen Kontakt miteinander hatten,
wurden oder blieben sich fremd. Gleiches galt für Gebirge |
Der Rhein war bereits früh mehr als ein Fluss:
Die
Römer nutzten den Rhein als Grenze - bekannt als Limes-Linie. Er war stark
befestigt worden und bildete eine Zeit die Außengrenze des römischen
Reichs. Viele römische Autoren (wie Caesar) machten diesen Fluss auch zur
Kulturgrenze- dahinter lagen die Barbaren, davor die letzte Bastion des Reichs. |  Fluss
Rhein bei Düsseldorf heute. Früher wären wir aus römischer
Sicht auf dieser rechten Seite Barbaren - heute steht dort die Kunstakademie. |  | Wegen
der starken Heimat-Identifikation
sind nicht selten Flüsse in Flaggen oder Wappen eingebaut. Unsere Grafik
beginnt mit einem in den 70er Jahren "neu gebildeten" Kreis Ennepe Ruhr.
Neben der lippischen Rose, dem westfälischen Roß (nicht gleich dem
niedersächsischen, das sich nicht aufbäumt) ist im NRW-Wappen der Rhein
zu sehen. Auch der Landkreis Mittweide hat ein Wappen, was drei Flüsse symbolisiert.
Der Kanton Aargau in der Schweiz trägt ebenso den Fluss Aar im Wappen wie
im Wappen von Belgrad ein Fluss auftaucht - hier aber (symbolisch vom Blut der
Kriege) rot gefärbt. | | | | Von
der Territorial-Grenze zur Identifikationsgrenze Vor Bildung der
Nationalstaaten hatten Flüsse in erster Linie als eigentliche Gewässer
Bedeutung. Ein Fluss zu besitzen oder Zugang zu ihm zu haben, war wirtschaftlich
oder militärisch wichtig - sonst nix. Die Mythen, die um Flüsse kreisten,
hatten im Mittelalter bis zur französischen Revolution mit Politik wenig
zu tun. |  Reiterdenkmal
in Köln am Rhein. | Nur
der jeweilige Fürst interessierte sich für die Flüsse außerhalb
der Frage, ob sie genug Steuergelder, Nahrung abwarfen oder eben nicht zu Überschwemmungen
führten. Nach
Bildung der Nationalstaaten änderte sich das sehr rasch. In Deutschland wurden
Berge und Flüsse zu nationalen Ikonen. Neben dem Brocken oder bestimmten
Tieren (Adler, Stier) oder Pflanzen (Eiche) wurden Flüsse metaphorisch für
Identifikationsorte gebraucht. Zeitgleich mit der Romantik kamen Reisen auf.
Maler wie Caspar David Friedrich malten die Kreidefelsen auf Rügen, das Meer
andere, wie auch der Engländer William Turner, malten den Rhein. | Von
der Identifikationsort zur nationalistischen Ikone und zur Frontlinie- Beispiel
Rhein: "Wer will des Stromes Hüter sein?"
Romantisch
ästhetische Inanspruchnahme von Flüssen in Deutschland: Insbesondere
durch die deutsche und französische, nationalistische Literatur wurde der
Rhein mit Idealen "aufgeladen". Vom romantischen Naturwunder wurde der
Rhein bald zum "Schicksalsfluss" stilisiert. Hinzu kam, dass sich die
Natur wunderbar als Kulisse von Germanen-Geist geschwängerter Theater anbot.
Richard Wagner - wohl der kulturell einflussreichste Musiker - schrieb mehrere
Opern, die sich nicht zufällig alle irgendwie um den Rhein sponnen: "Das
Rheingold" oder den "Ring der Nibelungen". Immer mehr Gemälde
entstanden um den "Fluss der Deutschen". Einerseits war es auch William
Turner, der englische Romantiker, der sich vom Rhein inspirieren ließ -
aber diese Mode bekam im Verlauf des 19. Jhd. neben dem künstlerischen auch
eine politische Note. | Politische
Ansprüche auf Territorien: Das
Elsass, die Rheinlande, die Saarregion lagen in genau der Region, um die sich
Frankreich und Deutschland stritten. Die gesamte Rheinregion wurde von Napoleon
annektiert und unter seinen Statthaltern aufgeteilt - nach den Befreiungskriegen
1815 kamen sie wieder in deutsche Hände. Das Elsass wechselte von Frankreich
nach der Niederlage des Preußisch-Französischen Krieges in deutsche
Hände, wurde nach der Niederlage des Ersten Weltkrieges von Frankreich annektiert,
um im 2. Weltkrieg wieder von Deutschland besetzt zu werden. 1840
- nachdem sich politische Streitigkeiten zwischen Frankreich und Deutschland verfestigt
hatten - dichtete ein gewisser Max Schneckenburger ein Lied, das zunächst
von national begeisterten Studenten, später aber auch von den chauvinistischen
Radikalen im Ersten Weltkrieg und zuletzt von den Nationalsozialisten gesungen
wurde: | Die
Wacht am Rhein
1.
Es braust ein Ruf wie Donnerhall, Wie Schwertgeklirr und Wogenprall: Zum
Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein, Wer will des Stromes Hüter sein?
Refrain: Lieb Vaterland, magst ruhig sein, Fest steht und treu die Wacht
am Rhein! 2.
Durch hunderttausend zuckt es schnell, Und aller Augen blitzen hell; Der
deutsche Jüngling, fromm und stark, Beschirmt die heilge Landesmark.
Refrain: Lieb Vaterland, magst ruhig sein, Fest steht und treu die Wacht
am Rhein! (...) 5.
Und ob mein Herz im Tode bricht, Wirst du doch drum ein Welscher nicht, Reich,
wie an Wasser deine Flut, Ist Deutschland ja an Heldenblut! Refrain: Lieb
Vaterland, magst ruhig sein, Fest steht und treu die Wacht am Rhein! 6.
Der Schwur erschallt, die Woge rinnt, Die Fahnen flattern hoch im Wind: Zum
Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein, Wir alle wollen Hüter sein! Refrain:
Lieb Vaterland, magst ruhig sein, Fest steht und treu die Wacht am Rhein! |  Blickt
- natürlich- Richtung Frankreich der (leider nicht sichtbare Adler) auf dem
Kriegerehrenmal in Bonn Beuel....
 ...heute
ist das Ufer des Rheins ein Platz für Liebespärchen, früher ein
Ort zum Kriegergedenken. Hier ein Mahmal für den Deutsch- Französischen
Krieg von 1877. | | | Ähnlich
wie in mit dem Passus "..Von
der Maas bis an die Memel, Von der Etsch bis an den Belt..." der
(nach 1945) verbotenen 1. Strophe des Deutschlandliedes wurden Flüsse als
Ikonen stilisiert. Dabei gelang es, die starke Identifikationskraft mit der Natur
und mit dem Wasser- grundsätzlich ja nichts negatives - in politisch revanchistische
Töne umzustimmen, die letztlich Menschen verfügbar für Gewalt und
Krieg machten.
So
steht nicht zufällig auf dem Reiterdenkmal am "deutschen Eck",
wo die Mosel in den Rhein fließt, eine Reiterstatue mit dem Wahlspruch des
Preußenkönigs, der Zeile eines Koblenzer Lokaldichters: "Nimmer
wird das Reich vergehen, wenn ihr einig seid und treu."
Das
war und ist kein deutsches Phänomen: Auf französischer Seite gab es
bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts diese Motive ebenso wie es auch in modernen
national aufgeladenen Konflikten häufig um die Herrschaft über Flüsse
geht. Nicht mal nachdem diese Entwicklung nach 1945 durch die Niederlage von NS-Deutschland
gebrochen wurde, wurden Flüsse zugunsten der komplizierteren kulturellen
Realität als Grenzen ad acta gelegt (Stichwort: Bestimmung der deutschen,
polnischen und russischen Grenzen nach 1945).
Ein Fluss ist nicht nur Wasser- noch immer nicht befreit aus
nationalem Denken  Mittlerweile
ist die Saale kein europäischer Grenzfluss im Sinne einer Außengrenze
mehr, der Rhein wird vielleicht nur noch von einigen Touristenanbietern als "Deutscher
Rhein" vermarktet. Dennoch: Auch für die Lösung von internationaler
Hochwasserprobleme und die Verbesserung der Wasserqualität ist diese nationale
Zersplitterung in Nachwehen noch immer spürbar. Zwar existieren zwischenstaatliche
Organisationen (Internationale Kommissionen zum Schutz von Rhein, Donau, Elbe,
Mosel) aber nicht mal von Kommune zu Kommune oder von Bundesland zu Bundesland
existieren tragfähige das gesamte Flussgebiet umfassende Zusammenarbeiten.
Das mag daran liegen, dass z.B. kein Baseler denkt, dass Niederländer quasi
nur einen Wassertropfen entfernt von ihnen wohnt. Zeit, mal etwas andere Musik
zu machen. Denn Flüsse haben zwar zwei Ufer, aber immer eine Fließrichtung.
Flüsse verbinden. | | |
An großen Flüssen geht noch immer die (augenzwinkernde) Unterscheidung
zwischen rechts oder links vom Strom lebenden Menschen um. Wer es nicht glaubt,
sollte mal an den Niederrhein fahren und Weseler fragen, was sie von Klevern halten.
|
|